Historische Hintergründe

Der geteilte Himmel

Das Muster des Himmels zieht sich nicht nur als visuelles Stilmittel durch den gesamten Film, die enge Verbindung mit dem Filmtitel Der geteilte Himmel impliziert verschiedene historische, wie auch aktuelle Probleme. Der Filmtitel steht einerseits für die geteilte Stimmung unter den Bürgern der DDR und andererseits für das, durch eine Mauer, geteilte Deutschland. Durch die metaphorische Annäherung an das Thema wird auch die Frage der Existenz und des Individuums im Film thematisiert. Dabei dient der Wechsel von Nahaufnahmen der Personen und Großaufnahmen des Himmels als visuelles Mittel um die Brücke vom Individuum zur Gesellschaft zu schlagen.

1961 spitzte sich die Krise der SED-Herrschaft zu, die Zahl der Flüchtlinge stieg stetig an. Aus der unsichtbaren, jedoch existierenden Grenze beider Teile Deutschlands wurde am 13. August 1961 mit dem Bau der Berliner Mauer eine physische Grenze. Die Flucht in de BRD wurde nun nicht mehr nur von sozialen Verlusten, der Trennung von Familie und Freunden begleitet sondern rigoros von der SED-Herrschaft unterbunden. Zwar wurde die innerdeutsche Grenze schon seit 1952 durch die DDR mittels Zäunen und Alarmvorrichtungen gesichert und bewacht, jedoch hielt das die Flüchtlinge nicht ab. In einigen kurzen Passagen wird zwar deutlich, dass die Republikflucht zwar allgegenwärtig ist, jedoch wird der Schwerpunkt eher auf die Bedrohung des Systems von außen gelegt. Die Angst vor einem Krieg und somit das Brechen des Friedens, welcher im Film oftmals mit dem Sozialismus gleich gesetzt wird lässt die Angst in der Bevölkerung entstehen. Diese Angst, verbunden mit Unsicherheiten führen dazu, dass die Einigkeit im Volk verloren geht. Ökonomische Krisen und Produktionsengpässe werden dabei ebenfalls thematisiert, so bekommt Rita selbst zu spüren, wie der Druck zunimmt.

Die existenzielle Frage nach dem Sinn des Lebens ist ein ständiger Begleiter im Film. Im Gespräch mit Schwarzenbach thematisiert Rita diese Frage direkt: ich habe mich schon immer gefragt was es für einen Sinn habe, dass wir auf dieser Welt sind Mit ihm verschwand diese Frage, als habe sie sich beantwortet. {1:33:40}

Dieser Ansatz bildet zugleich den Einstieg für die Entwicklung der verschiedenen Charaktere, welche Perspektive übernimmt jeder Einzelne im System? Wie werden Entscheidungen der Politik verarbeitet? Der Film argumentiert dabei stark mit emotionalen Abhängigkeiten. Ähnlich wie bei "Good Bye Lenin" wird ein Liebespaar in den Mittelpunkt der Erzählung gerückt. Somit werden physische Grenzen wie das geitelte Deutschland mit psychischen Grenzen verbunden. Der Mensch, welcher durch seine Erfahrungen wächst wird geprägt durch die politischen Entwicklungen der unterschiedlichen Systeme.

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Zwei Sichtweisen auf Geschichte

Der geteilte Himmel erzählt, genau wie „Goodbye Lenin“ seine Geschichte samt historischen Hintergründe anhand der Charaktere und ihres alltäglichen Lebens. Der Film verfolgt dabei ganz offensichtlich eine ostdeutsche Perspektive:

Die beiden Protagonisten Rita und Manfred stehen für die zwei konkurrierenden Systeme und ihren Konflikt. Letztendlich zeigt die Entwicklung von Rita, dass man das sozialistische System für überlegen hält und nur die Trennung der beiden Menschen/Systeme vermag die Auseinandersetzung im Film aufzulösen, pointiert vom Mauerbau in Berlin als historischem Ereignis.

An vielen Stellen des Films wird schon vor Manfreds Republikflucht in den Westen Bezug genommen auf andere Flüchtige, beispielsweise der alte Werkleiter, der von einer Dienstreise nicht zurückkommt und ersetzt werden muss oder die Familie einer von Ritas Mitschülerinnen, die deren Abwesenheit zu decken versucht und damit zur Zielscheibe wird. Diese Flüchtigen schaden dem System und so wird es auch im Film inszeniert, kritische Stimmen sind zwar in der Minderheit, wie beispielsweise Schwarzenbach in dem „Schauprozess“ von Rita und Sigrid, der es offenbar schafft Mangold davon abzuhalten, die beiden vom Institut zu verweisen.

Absichtlich wird Rita als Arbeiterin dargestellt, als selbstständige werktätige Frau, wie sie so in der Bundesrepublik noch nicht üblich war und wie es durch ein ein beliebtes Klischee in der DDR wurde. Manfred ist studiert, gebildet und hat einen Doktortitel, bewegt sich in Kreisen in denen die Republikflucht scheinbar weniger problematisch gesehen wird. Er ist nicht der typische sozialistische Idealist, passt nicht in das Klischee des Vorkommunismus und „verrät“ das Land letztendlich.

Trotzdem gibt der Film sich Mühe, nicht mehr als nötig Position zu beziehen. Genau wie Good Bye Lenin geht es nicht primär darum eine politische Auseinandersetzung zu zeigen, sondern Menschen zu zeigen, die unter bestimmten Bedingungen ihr Leben ändern und sich neu orientieren müssen. sondern verfolgt, ähnlich wie Good Bye Lenin es zumindest versucht, eine ostdeutsche Perspektive und musste natürlich auch inhaltlich den Ansprüchen der damaligen DDR genügen. Letztendlich versetzen sich beide Filme jedoch einfach in den Moment und bewerten nicht. Das wäre insbesondere bei Der geteilte Himmel so auch kaum möglich gewesen, weil es weit weniger zeitlichen Abstand zwischen dem dargestellten Zeitraum und dem entsprechenden Film gibt. Christa Wolf, die Autorin der Romanvorlage, soll aber in einer Fernsehsendung gesagt haben, sie wollte auf das Unglück hinweisen, das durch die Teilung Deutschland entstand. Insofern wird zumindest die Vorlage durchaus in der DDR kritisiert

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Getrenntes Deutschland

Wir haben die beiden Filme absichtlich ausgesucht weil sie sich thematisch mit dem Anfang und dem Ende einer bedeutenden Zeitspanne in der deutschen Geschichte befassen. Der geteilte Himmel spielt kurz vor dem Mauerbau 1961 und thematisiert das neue, sich verbreitende Gefühl, eingesperrt zu sein. Good Bye Lenin spielt ca. 28 Jahre später und zeigt den Fall der Mauer und den Weg zur Wiedervereinigung. Tatsächlich erzählen sogar beide Filme Liebesgeschichten, es geht um die Liebe eines Paares auf der einen und um die Liebe eines Sohnes zu seiner Mutter auf der anderen Seite, wenngleich Good Bye Lenin zusätzlich auch eine kleine, klassische Liebesgeschichte umfasst. Während die erste Liebesgeschichte zwischen Rita und Manfred an der Mauer scheitert, blüht die zweite Liebesgeschichte zwischen Alex und seiner Mutter (oder auch zwischen Alex und Lara) durch den Mauerfall erst richtig auf. Beiden Filmen geht es nicht darum objektiv die politische Situation darzustellen, sondern mit Hilfe der Charaktere die Auswirkung für die Menschen in der jeweiligen Situation zu zeigen. So ähnlich sich die Filme inhaltlich sind, so verschieden sind jedoch die Hintergründe ihrer Herstellung. Good Bye Lenin entstand in einem vereinigten Deutschland und wurde erstaunlicherweise geschrieben und inszeniert von Bernd Lichtenberg und Wolfgang Becker, die beide im Westen Deutschlands gelebt haben und nicht auf eigene Erfahrungen zurückgreifen konnten. Auch das Publikum für Good Bye Lenin war gemischt, denn während die ehemaligen DDR-Bürger ihrer Lebenswelt wiedererkennen würden, konnten Bürger der Bundesrepublik sich wohl kaum ein Bild des Alltags in der DDR machen.

"Goodbye Lenin" versucht zunächst eine akkurate historische Atmosphäre für beide Gruppen zu etablieren, indem der Flug ins All von Sigmund Jähn und die mediale Reaktion im Osten dargestellt wird. Für den gesamtdeutschen Zuschauer ist dies auch deshalb von Bedeutung, weil für den Großteil der westdeutschen Zuschauer dieses Ereignis wahrscheinlich nicht so stark in der Erinnerung ist, während es in der DDR ungleich stärker verbreitet wurde. Parallel dazu wird aber auch gleich die Kehrseite der historischen Situation aufgegriffen: Die Mauer, die Trennung der beiden deutschen Staaten. Für das Publikum geschieht dies implizit durch die Darstellung eines Ereignisses, die das Publikum jeweils mit anderen Erinnerungen verbindet und explizit durch die Republikflucht des Vaters. Der Film stellt sich also gleich zu Beginn auf beide Beine (Komödie und Drama). Ein Vorwurf der Beschönigung der DDR-Geschichte trifft an dieser Stelle sicher nicht zu, auch wenn im Anschluß die Mutter bei der Ausübung ihrer sozialen Aktivitäten sehr positiv dargestellt wird. Der Blick geht eigentlich während des gesamten Filmes auf den Osten und wie man dort dem Westen begegnet.

Während der Kernzeit des Filmes (Wiedervereinigung 1989/90) wird die Trennung nur pointiert inszeniert, beispielsweise durch ein paar Szenen, bei denen Alex über die Grenze geht, welche im Verlauf des Filmes immer mehr an Bedeutung verliert. Ostdeutsche und westdeutsche Schauplätze und Charaktere wechseln sich ab, das eine geht in das Andere über und neben den historischen Beiträgen zum Abriss der Mauer gibt es eigentlich keine physische Darstellung des geteilten Deutschlands. Was bleibt, ist die "Mauer in den Köpfen", also das typischen Verhalten der Charaktere und ihr Versuch, an ihrer gewohnten Lebenswelt festzuhalten. Einige Figuren (beispielsweise die Nachbarn) scheinen sogar ein wenig dankbar zu sein, dass Alex dies weiterhin für seine Mutter inszeniert.
So werden eigentlich alle Aueinandersetzungen, die es zwischen Ost und West in dieser Zeit gibt, als Auseinandersetzung zwischen Charakteren ausgetragen. Daneben zeigt sich immer mehr das Verschwinden der Alltagskultur der DDR und der Identitätsverlust, der damit einher geht.

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Ostalgie

Der Film beschäftigt sich im Detail mit ostdeutscher Alltagskultur und trug mit seinem Erfolg im In- und Ausland zu einer Welle sogenannter “Ostalgie” bei, bei der die Kultur der ehemaligen DDR wiederbelebt wurde. Der Film zeigt zahlreiche Ostprodukte wie Spreewaldgurken oder Tempo-Bohnen, die mit der Wende teilweise für Jahre verschwanden und im Rahmen einer Retrowelle zurück kamen und heute wieder gekauft werden können. Man könnte dem Film eventuell vorwerfen, dass er das Leben in der DDR zu stark beschönigt, allerdings werden in den dramatischen Szenen des Film auch die Verbrechen und Probleme sehr wohl behandelt und durch starke Bilder präsentiert.
Der Film versucht in weiten Teilen aber eben die alltäglichen Aspekte des Lebens im Osten herauszuarbeiten, Dinge die viele ehemalige DDR-Bürger schon vergessen hatten – oder vergessen wollten - und die im Westen folglich kaum bekannt waren. In einer Kritik auf filmspiegel.de schreibt Thomas Schlömer [L]: “Der größte Verdienst "Good Bye Lenins" ist dabei wohl, dass er sich (im Gegensatz zu Leander Haußmans "Sonnenallee", der auf schrecklich oberflächliche Weise das Thema DDR seziert) für seine Figuren interessiert.” So kann man den Machern eben nicht vorwerfen, dass sie lediglich einen Film über den Osten machen wollten um damit ein populäres Thema aufzugreifen und auf der Welle mitzuschwimmen. Die Rahmung allerdings ist auch nicht wahllos für irgendeine Geschichte gewählt worden, sondern gibt allerlei Probleme der Wiedervereinigung wieder, die in der breiten Bevölkerung noch gut bekannt sind und mit denen sich die Menschen identifizieren können. Ferner kam der Film zu einer Zeit heraus, in der viele Menschen im Osten wie im Westen vor ihrer Unzufriedenheit mit dem Ergebnis der Wiedervereinigung flüchten mochten, in eine Zeit, in der nach ihrer Vorstellung noch alles in Ordnung war. Dies bedient der Film aber nur teilweise, da er nicht ausschließlich durch seinen historischen Teil getragen wird sondern eben auch durch den ironischen Kommentar. Offenbar unterstellt man dem Film aber auch einen Beitrag zur Aufarbeitung deutsch-deutscher Geschichte, weshalb er einige Diskussionen angestoßen hat und auch mit entsprechenden Material für den Einsatz im Schulunterricht bedacht wurde. [L]

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